Über DIGITALES LAND

Wir alle haben uns in den letzten Jahren verändert. Und zwar grundlegend. Am deutlichsten sieht man es in der U-Bahn. Jeder – und damit meine ich wirklich ausnahmslos jeden – schaut auf sein Handy. Dieser Anblick ist wirklich gruselig. Er könnte direkt aus einem Science-Fiction-Film stammen – willkommen in der Matrix!

Abgesehen davon, dass dieses Verhalten unsozial ist und kaum mehr zwischenmenschliche Begegnungen zulässt, ist es vor allem deshalb so schlimm, weil es zeigt, dass wir im Grunde alle schon „angeschlossen” sind an die großen Datenfarmen und -autobahnen, die unsere Welt mittlerweile wie ein gigantisches, elektrifiziertes, metallenes Netz umspannen.

Doch auch im privaten Bereich ist diese Entwicklung nicht mehr zu übersehen. Ich selbst tue mich schwer, mein Handy auch nur für wenige Minuten aus den Augen zu lassen. Morgens wache ich auf und schaue als Erstes aufs Handy. Dann bleibe ich daran kleben, bis ich irgendwann wieder zu mir komme. Nur um es wenige Minuten später wieder halb unterbewusst zu schnappen und erneut darauf zu starren. Und damit bin ich nicht der Einzige, meiner Frau geht es nicht anders. Eine Freundin hat uns dasselbe über sie und ihren Mann berichtet. Das sind keine Leute, bei denen man sagen würde, dass sie einfach gestrickt sind und es nicht besser können. Nein, das sind Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, aus einem guten Elternhaus, mit guter Ausbildung, die interessante Dinge zu erzählen haben und mit denen man gerne Zeit verbringt.

Das sind ganz deutliche und typische Anzeichen einer Abhängigkeit. Wir sind alle internetabhängig und werden nervös wie Heroin-Junkies, wenn wir nicht online sind. Wir sind angeschlossen an das System und verlagern unsere Existenz zunehmend in das digitale Nirwana – ein Land, das sich einige wenige Landlords untereinander aufteilen. Und diese sind leider allesamt egozentrische, psychologisch auffällige und narzisstische Soziopathen. In diesem Land sind wir nichts als Leibeigene.

Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat diese Entwicklung sehr gut beschrieben. Er sagte, dass der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, bereits tot ist und durch etwas Neues, noch Schlimmeres ersetzt wurde: die Plattform-Ökonomie. Kapital gab es zwar schon seit der Antike, aber es war immer an das Land gekoppelt, das man sich untertan machen konnte. Alle Menschen, die auf diesem Land lebten, mussten einen Teil dessen, was sie darauf erwirtschafteten, an den jeweiligen Grundherrn abtreten. Dieser schreckte natürlich nicht davor zurück, auch Gewalt einzusetzen, um seinen Anteil durchzusetzen. Der auf diese Weise auf den Ländereien erwirtschaftete Reichtum manifestierte sich dann in Prachtbauten wie Burgen oder Kirchen.

Dann kam die industrielle Revolution und mit ihr ein gewaltiger Wandel. Nun waren nicht mehr die Ländereien, sondern die Betriebsmittel für die Produktion von Gütern entscheidend. Diese wurden verkauft und der erwirtschaftete Gewinn wieder in das eigene Unternehmen reinvestiert. Der Profit trat an die Stelle der Abgaben und ließ viele Menschen sehr reich werden. Sie alle konkurrierten am Markt um die Gunst der Kunden und mussten sich dem Wettbewerb aussetzen. Natürlich entstanden daraus auch sehr große Konzerne wie z. B. Ford, aber ihre Macht war trotz aller Investitionen in Lobbyarbeit immer noch begrenzt.

Seit der Einführung des Internets zu Beginn dieses Jahrhunderts sind jedoch komplett neue Akteure auf dem Markt erschienen. Diese verändern den Markt und seine Spielregeln selbst, unter anderem dadurch, dass ihre vermeintlichen Produkte meist kostenlos sind. In den letzten 20 Jahren haben sie eine Infrastruktur aus Anwendungen, Datenzentren und Internetkabeln aufgebaut, die ihnen nahezu vollständig gehört. Über diese Infrastruktur können sie mit jedem einzelnen von uns direkt in Kontakt treten. Dieser Kontakt gestaltet sich so, dass wir ihren Algorithmen mit jeder unserer Handlungen mehr von uns preisgeben und sie schließlich mehr über uns wissen als unsere besten menschlichen Freunde.

Damit haben wir uns in ein Überwachungsregime begeben, von dem frühere Diktaturen nicht einmal zu träumen wagten. Der Unterschied ist: Wir haben die Wanzen und Kameras, die uns ausspionieren, selbst gekauft und tragen sie in unseren Hosentaschen spazieren. Diese Konzerne können nicht nur unser Verhalten vorhersagen, sondern auch lenken – subtil, kaum merklich, aber hocheffektiv. Sie wissen, wann wir traurig und kaufbereit sind, wann wir wütend und politisch beeinflussbar sind. Unsere intimsten Gedanken und Regungen sind zur Handelsware verkommen, die auf monopolistischen Märkten an den Höchstbietenden verkauft wird. Sie trainieren uns, sie zu trainieren, wie sie mehr über uns erfahren können. Damit wir auch ja nicht damit aufhören und uns immer tiefer in der unendlichen Anzahl selbst gegrabener „Rabbit Holes“ im Internet verlieren, designen sie ihre Anwendungen so, dass sie schon nach ein oder zwei Nutzungen süchtig machen – synthetische Designerdrogen aus dem Silicon Valley.

Diese Plattformen sind das neue (digitale) Land. Andere Unternehmen können hier ihre Produkte anbieten, doch der Betreiber der Plattform verlangt wie der Gutsherr zu vorindustriellen Zeiten von jeder Transaktion, die auf seinem „Land” stattfindet, seinen Anteil. Er selbst besitzt keine Produktionsanlagen, macht keine Werbung für die Produkte und stellt keine Mitarbeiter ein. All das müssen die Unternehmen, die auf seiner Plattform verkaufen, selbst erledigen. Er stellt lediglich die Plattform bereit, die sich still und leise zwischen die Unternehmen und ihre Kunden geschoben hat.

Das perfideste an diesem neuen Feudalismus ist jedoch, dass wir, die Leibeigenen, uns gar nicht als solche fühlen. Im Gegenteil: Wir halten uns für die Gewinner des Ganzen. Wir lieben unser Netflix und glauben, dass wir Google, Instagram oder TikTok umsonst nutzen. Doch das ist der große Trugschluss der digitalen Ära. Wir sind nicht die Kunden – wir sind das Produkt und zugleich die unbezahlten Arbeiter. Mit jedem Foto, das wir hochladen, jedem Kommentar, den wir schreiben, und jeder Sekunde, die wir scrollen, verrichten wir Arbeit. Wir füttern die Datenbanken, trainieren die Algorithmen und mehren das Kapital der digitalen Lehnsherren, ohne dafür auch nur einen Cent zu sehen. Diese Ausbeutung kommt so subtil und gamifiziert daher, dass sie uns beinahe noch Spaß macht – wäre da nur nicht dieser fade Beigeschmack.

Die Plattformen investieren nur in den weiteren Ausbau ihrer Internetstrukturen und in die weitere Vertiefung und Verfeinerung der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Ihre Anwendungen sollen die menschliche Psyche manipulieren, damit wir immer mehr Zeit damit verbringen, auf Screens zu schauen, und dabei immer mehr von uns preisgeben.

Diese Manipulation geht jedoch weit über den individuellen Zeitverlust hinaus; sie zersetzt das Fundament unserer Demokratie. Die Algorithmen sind nicht darauf programmiert, uns die Wahrheit zu zeigen, sondern das, was uns am längsten am Bildschirm hält. Das Ergebnis ist eine Fragmentierung der Wirklichkeit. Jeder von uns lebt in seiner eigenen, maßgeschneiderten Realitätsblase, in der die eigenen Vorurteile stetig bestätigt und Ängste geschürt werden. Wenn wir aber keine gemeinsame Basis an Fakten mehr haben, wenn der öffentliche Raum durch Millionen privater Echokammern ersetzt wird, dann stirbt der Diskurs. Wir verlernen, Widerspruch auszuhalten, weil unsere digitalen Spiegelbilder uns ständig zunicken. Und das gelingt ihnen erschreckend gut, wie ich mittlerweile am eigenen Leibe erlebe.

Das Schlimme daran ist, dass sich nun der gesamte Reichtum und Wohlstand in den Händen weniger Menschen versammelt. Die Plattformbesitzer sind die einzigen Profiteure – und das in einem unvorstellbaren Ausmaß. Mittlerweile besitzen wenige Personen mehr als die Hälfte der Menschheit zusammen. Die Zahlen hierzu sind furchteinflößend. Dank ihrer neuesten Errungenschaften im Bereich der künstlichen Intelligenz befürchte ich das Schlimmste. Ich gehe davon aus, dass wir bald alle keine Jobs mehr haben werden, da die Plattformen uns durch ihre KI-Anwendungen ersetzen werden.

Aber wir stehen nicht nur vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Wir werden unsere Lebensgrundlagen verlieren, denn das Internet findet nicht einfach in einer abstrakten „Cloud“ statt, sondern in ebenso monströsen wie energiehungrigen Rechenzentren, die mit uns Menschen direkt um knappe Ressourcen wie Platz, Energie, Rohstoffe und Wasser konkurrieren. Für die globalen Betreiber sind diese Anlagen wichtiger als das Wohlergehen der Menschen, in deren Nähe sie gebaut und betrieben werden. Dies stellt eine neue Form des Extraktivismus des globalen Südens durch den Norden dar, der schon jetzt alarmierende Ausmaße angenommen hat. Dabei stehen wir erst am Anfang eines globalen Wettrüstens in diesem Bereich zwischen wenigen, rein profit-orientierten Akteuren weltweit.

Wenn wir diesen Plattformen nicht entschlossen entgegentreten, werden sie schon sehr bald die gesamte Wirtschaft unter ihre Kontrolle gebracht haben. Von dort aus werden sie sich der Politik widmen, was ohnehin bereits in vollem Gange ist, wenn man nur einmal über den Atlantik schaut.

Es geht hierbei um nichts Geringeres als die Rückgewinnung unserer Autonomie. Solange wir den Blick nicht vom Bildschirm heben, bleiben wir Gefangene in einem goldenen Käfig aus Bequemlichkeit und Ablenkung. Widerstand beginnt heute nicht mehr auf der Barrikade, sondern mit der bewussten Entscheidung, nicht verfügbar zu sein. Es ist der radikale Akt, die eigene Aufmerksamkeit wieder selbst zu steuern, anstatt sie von Silicon Valley fernbedienen zu lassen. Doch individuelle Askese allein wird diesen Kampf nicht gewinnen. Wir stehen strukturellen Mächten gegenüber, die mächtiger sind als viele Nationalstaaten.

Wir müssen jetzt handeln und als Erstes bei diesen US-Plattformen anfangen. Entweder wir verbannen sie ganz aus Europa oder wir besteuern sie so hoch, dass wir mit dem verdienten Geld andere Bereiche bezahlen können, in denen dringender Handlungsbedarf besteht, wie beim Klimawandel, bei der Rentenproblematik oder bei anderen sozialen Themen.